Mobilität
So fahren wir besser!
Wie bewegen wir uns heute?
Auf dem weiten platten Land kommt man ohne Auto einfach nicht vom Fleck. Dieses Vor-Urteil hat im Kreis Gütersloh lange Zeit viele Verkehrsalternativen wirkungsvoll ausgebremst. Aber gibt es wirklich keine andere Möglichkeit, in unserer Region mobil zu sein als mit immer mehr Autos auf immer mehr Straßen?
Die Nachteile des viel gepriesenen Individualverkehrs bekommen wir alle heftig zu spüren. Lärm und Abgase, Staus und Unfälle gehören dazu, wenn jeder sich in seinem eigenen fahrbaren Untersatz frei bewegen will. Nicht nur in großen Städten, auch hier bei uns geht zu Stoßzeiten in vielen Ortskernen nichts mehr. Immer neue Umgehungsstraßen sind dafür auch keine Lösung. Neue Straßen verlagern das Verkehrsproblem nur vor andere Haustüren. Die Betonpisten zerstören Stück für Stück unsere Heimat.
Deshalb brauchen wir eine grundsätzlich andere Verkehrspolitik. Wir müssen nicht nur umdenken, sondern auch umsteigen – auf Fahrrad, Bus und Bahn. Und das muss einfacher werden. Sonst droht uns der Kollaps von Verkehr und Natur. Wie dringend wir Alternativen zum Autoverkehr entwickeln müssen, zeigen uns zur Zeit auch die explodierenden Spritpreise. Die Behauptung, ein Verkehrssystem ohne Auto müsse immer teurer sein als mit, überholt sich von selbst.
Gerade das Thema Verkehr zeigt, dass eine andere, bessere Zukunft nicht durch einzelne Modellprojekte erreicht werden kann. Das einseitige Ja zum Auto als Hauptverkehrsmittel hat uns auch im Kreis Gütersloh eine schwere Fehlentwicklung beschert: Der Einzelhandel im Ortskern verödet, die Supermärkte draußen auf der Grünen Wiese feiern Konjunktur. Und die sind nur mit dem Auto zu erreichen, das die umfangreichen Einkäufe auch abtransportieren muss. Ein einmal eingeschlagener falscher Weg zementiert sich selbst. Es wird immer schwieriger, das Rad wieder zurückzudrehen. Deshalb müssen wir die Zukunft anders planen – den Verkehr, unsere Städte, unser Wohnen und unsere Versorgung.
Diese Wege führen in die Zukunft!
Bei unserem Blick in die Zukunft haben wir uns deshalb vom Auto als Haupttransportmittel verabschiedet. Wir lassen die Bürgerinnen und Bürger im Kreis Gütersloh ihre eigene Mobilität neu entdecken und geben ihnen dafür gute Startbedingungen.
- Vorfahrt für Bus und Bahn
Dazu gehört als erstes der Nulltarif in allen Bussen und Bahnen im Kreis Gütersloh: Jeder Bürger kann kostenlos fahren, wohin er will. Es fahren mehr Busse auf mehr Strecken. Bis zur nächsten Haltestelle ist es nicht weit, auf den nächsten Bus muss niemand lange warten. In ländlichen Gebieten fahren zu den ruhigeren Zeiten Bürgerbusse mit ehrenamtlichen Helfern am Steuer.
In den Städten haben Busse Vorfahrt vor dem Auto. Am Stadtrand können Autofahrer an Haltestellen mit großen Parkplätzen problemlos vom eigenen Wagen in den kostenlosen Bus wechseln. Die Parkplätze werden bewacht, sind aber trotzdem gebührenfrei.
Die Busse sind passend auf die Abfahrtszeiten der Züge an den Bahnhöfen abgestimmt. Züge fahren im Halbstunden-Takt auf der ehemaligen TWE-Linie von Versmold über Gütersloh nach Paderborn und auf der Strecke Bielefeld – Münster. Die Regionalzüge haben ohne lange Wartezeiten Anschlüsse an den Fernverkehr. An Haltestellen und Bahnhöfen kann jeder sein Fahrrad kostenlos und sicher abstellen. - Mobil ohne Motor
Auch in den Innenstädten hat sich viel getan. Fußgänger und Radfahrer müssen nicht mehr mit den Autos um Platz auf der Straße kämpfen. Die Stadtkerne sind systematisch für ihre Belange umgeplant worden. Das bedeutet: Wer zu Fuß oder mit dem Drahtesel in der Stadt unterwegs ist, hat bequeme, eigene Wege ohne Huckel und Hindernisse, flüssige Ampelschaltungen und möglichst durchgehend Vorfahrt. Straßenüberquerungen sind auch für Kinder und die wachsende Zahl von Senioren gefahrlos möglich, weil sich die Ampelschaltungen an den Bedürfnissen der Fußgänger orientieren.
In den Orten, aber auch außerhalb sorgen Radwege abseits der Hauptverkehrsstraßen für gute Verbindungen, die auch Bahnstrecken und Autobahnen ohne Umwege überwinden. Rund um die Städte führen gut ausgeschilderte Ringe aus Radwegen, auf denen man auch die Ortskerne gut erreichen kann. Als Radwege werden hauptsächlich vorhandene Straßen und landwirtschaftliche Wege genutzt. Das ist preiswerter und verbaut nicht noch zusätzlich die Landschaft.
Insbesonders in Ortschaften gilt an den meisten Kreuzungen einheitlich und unbürokratisch „rechts vor links“, der Schilderwald ist überflüssig geworden. So fließt der Verkehr ohne Ampeln und Vorfahrtsschilder zwar mit geringerer Geschwindigkeit, aber flüssiger und insgesamt schneller und sicherer fließt, weil alle Verkehrsteilnehmer aufeinander achten und Rücksicht nehmen müssen. - Service in Bewegung
Menschen, die zu Fuß, mit dem Rad, mit Bus oder Bahn unterwegs sind, können dabei kaum schwere Einkäufe mitschleppen. Deshalb hat sich im Kreis Gütersloh ein kreisweiter Lieferservice entwickelt, der den Leuten die gekauften Sachen bis nach Hause bringt. Kunden hat er genug, denn die Bürger bestellen auch verstärkt über das Internet. Außerdem gibt es immer mehr Senioren, die den günstigen Bring-Service gern für alles Mögliche nutzen.
Der Lieferservice, ein gemeinsames Tochterunternehmen der Städte und Gemeinden im Kreis Gütersloh, kombiniert die Lieferungen kostengünstig mit der Zustellung von behördlichen Schreiben, Post, Paketen und weiteren Geschäftsfeldern. Dadurch arbeitet er effektiv, hat kaum Leerfahrten und bringt den Kommunen Gewinne. - Bürger sind die Gewinner
Die Menschen im Kreis Gütersloh haben die Chancen der neuen Angebote schätzen gelernt. Kurze Wege erledigen sie zu Fuß, mit Inline-Skatern oder mit dem Rad. Für weitere Strecken nutzen sie die attraktiven Möglichkeiten des Nahverkehrs. Das Ergebnis: Die Menschen treffen sich häufiger, sehen sich nicht nur von Autofenster zu Autofenster. Im Bus oder in der Bahn können sie reden, lesen, schreiben, etwas auf dem Laptop arbeiten. Deshalb erkennen manche Firmen den Weg mit Bus oder Bahn zum Dienst sogar teilweise als Arbeitszeit an.
In den Innenstädten, die kostenlos mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar sind, herrscht wieder Leben. Aus überflüssigen Parkplätzen wurden Gartencafes, Restaurants und Parks. Immobilien in den Ortskernen sind im Wert gestiegen. Der durch eine andere Verkehrspolitik runderneuerte Kreis Gütersloh hat sich auch für Besucher von außerhalb zu einem beliebten Reiseziel entwickelt. Touristen schätzen die Ruhe und die reine Luft.
Vieles gibt es heute schon
Den kostenlosen Nahverkehr praktiziert mit gutem Erfolg die belgische Stadt Hasselt. Seit zehn Jahren können dort die Bürger gratis mit dem Bus fahren. Die Zahl der Busnutzer stieg um 857 Prozent, kauflustige Kunden bevölkern die Innenstadt, und es entstanden neue Arbeitsplätze. Ein überraschender Nebeneffekt: Menschen, die dort in den Krankenhäuser liegen, haben viel mehr Besucher, weil ältere Menschen die Kliniken besser erreichen können.
Lemgo konnte mit seinem attraktiven STADTBUS-System in acht Jahren viermal so viele Fahrgäste anlocken. Einen Bürgerbus gibt es schon in Werther – 24 ehrenamtliche Fahrer chauffieren im Jahr 9.000 zahlende Kunden. Der Bürgerbus sorgt auf weniger rentablen Strecken und in Zeiten mit erfahrungsgemäß wenig Zuspruch für eine gute Grundversorgung. Der Einsatz der Ehrenamtlichen stärkt das Wir-Gefühl. Auch in Rietberg ist ein Bürgerbus in Planung.
Der Haller Willem zwischen Bielefeld und Dissen ist ein Vorzeigebeispiel dafür, wie erfolgreich eine Regionalbahn fahren kann, wenn das Angebot stimmt: Die Strecke wird inzwischen von 3.500 Fahrgästen täglich genutzt – mehr als doppelt so viele wie vor dem Ausbau. Dadurch lohnt sich auch der Weiterbau der Strecke bis nach Osnabrück.
Wie sich ein Verzicht auf Ampeln und Vorfahrtsstraßen auswirkt, kann schon heute in dem niederländischen Städtchen Drachten beobachtet werden. Dort hat der Verkehrsplaner Monderman sein Verkehrskonzept „shared space“ realisiert: Es gibt keinem und damit allen die Vorfahrt und zwingt so jeden, auf seine Mitmenschen aufzupassen und mit ihnen zu kommunizieren. Das Beispiel von Drachten macht inzwischen Schule und wird im Rahmen eines EU-Projektes in weiteren Städten erprobt, u.a. auch in der Gemeinde Bohmte im Landkreis Osnabrück.
Anschauungsmöglichkeiten für gut funktionierenden Radverkehr in der Innenstadt lassen sich in Münster finden. Positive Ansätze gibt es auch beim Radwegering in Wiedenbrück. Beim Überlandangebot lohnt ein Blick auf den Weserradweg, der großteils abseits der Autostraßen verläuft. Und die Niederländer und die Dänen machen uns ohnehin vor, wie man Menschen aufs Fahrrad hilft.
Auch der Lieferdienst in unserer Vision hat ein Vorbild. Solche Service-Angebote sind bereits in mehreren deutschen Städten getestet worden, unter anderem in Bielefeld. Obwohl die Kunden in der Regel zufrieden waren, wurden einige Projekte wieder eingestellt – die Zahl der beteiligten Geschäfte und der Kunden stagnierte. Im Kreis Gütersloh könnte der Service als Ergänzung zu einem größeren Verkehrskonzept aber rentabler arbeiten.
Wie wird das bezahlt?
Ein dichtes Netz aus Bussen, Bahnen, Bürgertaxis wird nicht von Anfang an auf allen Linien genug zahlende Kunden haben, um kostendeckend zu arbeiten. Je mehr Bürger jedoch entdecken, dass dieses Netz eine Alternative zum eigenen Auto ist und dass sie auch ohne eigenen fahrbaren Untersatz zurechtkommen, desto besser rechnet sich das – und zwar auch für die Bürger.
Innerhalb der Modellregion werden Mittel, die für den weiteren Ausbau des Straßennetzes vorgesehen sind, für die neue Mobilität verwendet. Innerstädtisches Finanzpotential liegt im Verkauf von dann überflüssiger Parkfläche in teurer Innenstadtlage, verminderten Kosten für die Instandhaltung der weniger genutzten Straßen und einer Anpassung der Parkgebühren an den Bodenwert. Durch die erhöhte Kaufkraftbindung im Kreis Gütersloh steht auch in der Kaufmannschaft mehr Geld zur Verfügung.
Maßnahmen werden in der Anfangsphase vom Land gefördert, so der Radwegebau, die Bürgerbusse und der Lieferservice.
Die schon verwirklichten Beispiele zeigen, dass eine Finanzierung möglich ist und dass die Städte und Gemeinden neben der steigenden Wertschätzung durch ihre Bürger/innen auch mehr Entfaltungsmöglichkeiten bekommen.
Seitenanfang