Biogasanlage: bäuerlich oder industriell?

 

Brief der GNU an die Mitglieder des Planungsausschusses der Stadt Werther vom 27.11.2007

Mitteilung der Gemeinschaft für Natur- und Umweltschutz im Kreis Gütersloh e.V. (GNU) zur Diskussion um die Erweiterung der Anlage „Bioenergie Werther GmbH + Co KG“

Vorweg ist anzumerken, dass die GNU die Nutzung von Biomasse grundsätzlich für eine vernünftige und sinnvolle Form der alternativen Energieerzeugung hält. Durch die Mehrfachverwendung von organischen Reststoffen als Dünger und als Energieträger können Biogasanlagen einen wichtigen Beitrag zur Energiewende leisten! Der Einsatz hofeigener oder hofnaher Biomasse (Ernterückstände, Gülle, Mist) in Biogasanlagen ist ökologisch sinnvoll. Die GNU steht deshalb zu einer Nutzung von Biomasse aus lokalen, überschaubaren und kontrollierbaren Kreisläufen.

Im Falle der umstrittenen Biogasanlage in Werther gibt es jedoch deutlich negative Aspekte, die thematisiert werden müssen.

Galt noch vor 10 Jahren ein „Bioreaktor“ mit 100 kW als ziemlich groß, so liegt der Durchschnitt heute bereits bei 500 kW elektrischer Leistung. Die Biogasanlage in Werther soll nun um das dreifache, also auf 1500 kW erweitert werden, das heißt, statt 14.680 t/a sollen dann 35.000 Tonnen t/a bzw. 95,8 t/d in dieser Anlage verarbeitet werden.

Als Einsatzstoffe¹ werden Industrieabfälle, wie Magen - Darminhalte, überlagerte Lebensmittel, Flotatschlämme, Speiseabfälle, Abfälle aus der Süsswarenindustrie, Schweinegülle usf. genannt. Eine solche Größenordnung hat zweifelsfrei industrielle Ausmaße.  Entsprechend müsste diese Anlage als VTN-Anlage (Verarbeitung tierischer Nebenprodukte) nach BimSch-VO eingestuft werden und bei > 10 t/d im Geltungsbereich des BVT-Merkblattes (Beste verfügbare Technik) begutachtet werden.

Beispielsweise sollen an Magen- und Darminhalten pro Jahr 6000 t in der Anlage verarbeitet werden – nahezu doppelt soviel wie vorher. Es ist nicht auszuschließen, dass u.a. mit diesen Schlachtabfällen pathogene Keime eingeschleppt werden, dass Masthilfsmittel wie Antibiotika und Hormone über die Gärreste² in den Nahrungskreislauf geraten. Dieses Risiko steigt mit dem Einzugsgebiet und den verschiedenen Herkünften der Abfälle.

Das Institut für Bakteriologie und Mykologie an der Uni Leipzig hat zu dieser Problematik Untersuchungen durchgeführt. Dabei wurde festgestellt, dass in 30 % der untersuchten Gärreste Clostridien nachzuweisen waren, darunter auch pathogene Arten wie Clostridium botulinum, ein Erreger von Lebensmittelvergiftungen beim Menschen. Wenn dieser Bazillus in den Gärsubstraten¹ vorhanden ist, findet er dort geeigneten Nährboden zur Vermehrung, nämlich eiweißhaltige Substrate, wie Schlachthausabfälle und Speiseabfälle. Clostridien sind in der Lage, ungünstige Lebensbedingungen in Form von Sporen zu überdauern. Nach den bisherigen Erkenntnissen wäre zur Abtötung dieser Sporen eine Temperatur von 120 °C nötig.

Die Größe des Einzugsbereiches wird des weiteren durch die Herkunft des Schlachtviehs bestimmt: So muss z. B. die als Lieferant in Rede stehende Großschlachterei Tönnies ihr Schlachtvieh aus größerer Entfernung - auch aus Nachbarländern - anliefern lassen, da der Bedarf nicht aus der Region gedeckt werden kann. Dies war bereits 1994 der Fall, obwohl zu dieser Zeit lediglich 8000 Schweine pro Tag geschlachtet wurden. Heute sind es über 21 000 Schweine pro Tag.

Anlieferungen von Bioabfällen aus größeren Entfernungen haben noch einen anderen Nachteil: Mit zunehmender Entfernung steigt auch der Kraftstoffverbrauch. Die Energie- respektive Treibhausgasbilanz wird negativ. Die Verkehrsbelastung der Landschaft steigt.

Nicht abschließend geklärt sind auch die Auswirkungen der Gärreste² auf die Böden. Der im Gärrest verbleibende Stickstoff ist ähnlich wie Nitrat sofort pflanzenverfügbar. Wenn die Pflanzen diesen Stickstoff nicht aufnehmen – etwa in der Wachstumsruhe – kann er ins Grundwasser ausgewaschen oder mit anderen Stoffen in Fließgewässer abgeschwemmt werden. Eine Grundwasserbelastung ist somit nicht auszuschließen.

Die im Gutachten des Büros Schriefer genannte, 100 m dicke Tonschicht ist kein zuverlässiger Schutz. Infolge des in dieser Region typischen kleinräumigen Wechsels geologischer Schichtungen ist durchaus eine hydraulische Durchlässigkeit in unmittelbarer Nachbarschaft undurchlässiger Bereiche zu erwarten.

Wie in der gutachterlichen Stellungnahme des Dipl. - Geol. Schriefer erwähnt wird, ist das Landschaftsgebiet um Werther durch die Einschnitte von Bachläufen sehr stark gegliedert, der Anteil an Hanglagen deshalb relativ hoch. Sämtliche Bäche entwässern gemeinsam in die Warmenau. Infolge der Hanglagen und der „geringen hydraulischen Durchlässigkeit“ der Böden ist die Gefahr der Abschwemmung von Nähr- und Schadstoffen aus der Biogasanlage gegeben und kritisch zu beurteilen.  Es ist überdies unverständlich, dass eine solche Anlage in einem Siekgebiet genehmigt werden soll.

Schließlich fallen bei 35.000 t/a an Einsatzstoffen ähnlich große Mengen Abfall („Gärreste“) an. Sie werden als Dünger ausgebracht. Die Prüfung einer Probe von Gärresten ergab einen Gehalt an Zink von 251 mg/kg und Kupfer von 83,8 mg/kg TS. Nach der Bio. Abf. VO ist bei Kupfer der maximale Grenzwert überschritten und bei Zink fast erreicht. Als Quelle dafür wird Schweinegülle genannt. Andere mögliche Belastungen wie Hormone, Antibiotika, Clostriden, Cadmium, PFT³,  wären zu prüfen, am besten, bevor sie in die Anlage kommen, vor allem aber in den Gärresten.

Diese Düngermengen mit ihren Phosphat- und Stickstoffgehalten benötigen erhebliche Flächen, auf die sie ausgebracht werden müssen. Es ist die Rede von 800 bis 900 ha, deren Eignung nachgewiesen werden muss.

Die Gärreste aus den Anlagen konkurrieren mit anderen auf die Ackerflächen drängenden Düngermengen wie Klärschlämmen, Kompost und den üblichen Wirtschaftdüngern. Dadurch kann es zu einer weiteren Nährstoff-, wahrscheinlich auch einer Schadstoffanreicherung in der Umgebung und einer Belastung für Boden und Grundwasser kommen.

Die Gefahr der Abschwemmung in die Vorfluter wurde oben genannt.

Alles in allem: Bisher ungünstige Voraussetzungen für eine Anlage dieser Größenordnung mit Eingangsstoffen dieser Zusammensetzung. Vor einer Genehmigung solcher Anlagen muss deshalb Gewissheit über ihre Auswirkung erlangt werden.
 

Mit freundlichem Gruß

 

¹   Einsatzstoffe werden auch Gärsubstrate genannt.

²   Gärreste werden auch Gärrückstände oder Fermentationsrückstände genannt

³   PFT heißt perfluorierte Tenside. Nach bisherigem Kenntnisstand geraten sie durch die Verwendung von bestimmten Klärschlämme in die Biogasanlagen. Beispiele für die Verwendungen von PFT und verwandten Verbindungen: Papierveredelung und Spezialchemie wie bei Textilien, Teppichen, Ledermöbeln, Farben, Reinigungsmitteln, Kosmetikartikeln, Pflanzenschutzmitteln, Feuerlöschern, hydraulischen Flüssigkeiten usf.

TS = Trockensubstanz