Sechs blaue Edelsteine

Dies soll der Anfang eines fortlaufenden Berichtes sein über die Aufzucht von sechs jungen Eisvögeln, deren Elterntiere offensichtlich nicht mehr leben.
Am letzten Dienstag, dem 22. Juni fand ich am Brutplatz das tote Männchen.  Meine Beobachtungen ergaben, dass auch das Weibchen nicht mehr da, also offensichtlich auch tot war. - Am Dienstagnachmittag sah ich in der Brutröhre mindestens 5, später stellte sich heraus, dass es sechs waren, Jungvögel, die bereits heftig um Futter bettelten. Was nun?

Die Jungen waren etwa 7 Tage alt, erkennbar an den bereits sprießenden Federkielen und den noch völlig verschlossenen Augen. Sollte die Natur nicht ihren normalen Weg nehmen? Sechs junge Eisvögel mehr oder weniger ist für die Erhaltung der Art doch völlig unerheblich. Aber um die langsam verhungernden Tiere wissen und mit ihren jämmerlichen Bettelrufen im Ohr schlafen gehen? Wer könnte das? Und dann ergab ein Anruf bei der Eisvogelexpertin Margret Bunzel-Drüke das die Handaufzucht der Jungen sehr gut möglich und erfolgversprechend ist, da Eisvögel nach dem Ausfliegen sofort selbständig sind und fischen können.

Was also tun? Futterfische mussten so schnell wie möglich her. Dann die Höhle aufgraben und die Jungen herausholen. Ein Karton mit Einstreu und einem Loch am Ende zur Unterbringung würde genügen. Oder gab es nicht auch noch andere Möglichkeiten?

Fortsetzung 1

Also Kleinfische mussten her. Ich rief einen Freund an und er wusste sofort Rat. Mit einer Senke, einem speziellen Fischnetz, das mit etwas Weißbrot beködert wird, holte er bereits im ersten Versuch über 20 Moderlieschen und kleine Barsche aus einem nahe gelegenen Gewässer.

Inzwischen war es aber bereits nach 20 Uhr und ich beschloss zumindest den Versuch zu starten die Jungen direkt in der Bruthöhle zu füttern, um sie zumindest in dieser Nacht noch dort belassen zu können. Ein totes Fischen wurde also auf einer angespitzten Haselnußrute aufgespießt und unter zuhilfenahme einer Taschenlampe in die etwa 50 cm tiefe Brutröhre bis zum ersten Jungvogel geschoben.

Was ich nicht zu hoffen gewagt hatte: das Junge ergriff sofort im ersten Versuch den Fisch mit seinem Schnabel, zog ihn von der Haselnussrute und verschlang ihn gierig. Nächstes Fischchen, nächster Jungvogel, gleiche Prozedur. Reihum verschwand Fischchen um Fischchen in den ausgehungerten Mägen. Dabei kommt einem das sogenannte Eisvogelkarussell zu Gute, von dem ich noch berichten werde.

Nach 14 Fütterungen reihum kehrte Ruhe ein und die letzten Bettelrufe waren verstummt. Aber würden die teilweise noch nackten Jungen die Nacht überstehen ohne einen der hudernden und wärmenden Altvögel? War es nicht doch ein Fehler sie insofern ihrem Schicksal zu überlassen?

Fortsetzung 2

Bereits kurz nach sechs Uhr am nächsten Morgen kehrte ich zum Brutplatz zurück..? Der Blick in die Brutröhre: Die sechs Jungen lebten, aber nach nur drei Futterfischchen kam keine weitere reaktion mehr. Erst mein zweiter Besuch gegen halb 9 bestätigte meine Vermutung: Sie waren noch satt gewesen. Jetzt aber verlangten sie alle plärrend nach weiterer Nahrung und ca 15 Fischchen stillten den Hunger. Und dies in so schneller Folge, dass weniger als eine halbe Stunde dafür benötigt wurde, obwohl ich mich selbst ja auch erst an die Abfolge von Aufspießen der Nahrung, einführen der Haselnußgerte in die Brutröhre bis zum ersten Vogel und nach der Aufnahme des Fischchens herausziehen des Stocks, gewöhnen musste. Bei den folgenden Mahlzeiten gegen halb 12 und 16 .30 Uhr ging dies dann noch zügiger.

Aber jetzt muß ich zunächst einmal vom Eisvogelkarussell berichten, also den Vorgängen in der Höhle nach der jeweiligen Fütterung:
Normalerweise sitzen die Jungen in etwa kreisförmig innerhalb des Brutkessels, der einen Durchmesser von etwa 10 bis 12 cm hat. Der einschlüpfende Altvogel schiebt den erbeuteten Fisch Kopf voran vor sich her. Solange die Jungen in den ersten 8 Tagen noch blind sind reagiert der zuerst am Schnabel berührte mit sofortigem Sperren, bzw. schnappt nach dem Fischchen und der Altvogel lässt sofort los. Der Jungvogel dreht sich nach dem Fressen und kotet ab, bzw. rutscht zur Seite und überlässt einem Geschwisterchen den günstigeren Platz am Zugang der Röhre zu Brutkessel. Und so geht es "im Karussell" reihum bis alle satt sind. Am Ende hilft auch kein Anstupsen des Schnabels mit einem Fischchen mehr: Alle sind satt, drehen sich nach innen und es ist Ruhe, wie auch an diesem Mittwochabend nach dem letzten Füttern gegen 20 Uhr.

Fortsetzung 3

Bereits am Mittwoch nachmittag begannen sich die ersten Augen der Jungvögel zu öffnen. Zunächst schlitzförmig und dann bis zum 12. Lebenstag vollständig. Damit war ziemlich sicher, dass die Jungen am Mittwoch den 8. Lebenstag erreicht hatten. Normalerweise bekommen die Jungen ihre Eltern auch nach dem Öffnen der Augen nicht zu sehen, denn das spärliche Tageslicht der Einflughöhle wird ja durch den einschlüpfenden Altvogel noch verdunkelt. Nun aber musste jede Fütterung bei heller Beleuchtung durch meine Taschenlampe stattfinden. Die anfängliche Befürchtung, dass damit Schwierigkeiten auftreten könnten bewahrheitete sich nicht. Im Gegenteil bemerkte ich mehr und mehr, dass sich die Kleinen auf das Licht als Fütterungssignal einstellten: Achtung, jetzt gibts was zu Futtern; Schnabel auf und Plärren!

Auch eine weitere Befürchtung erwies sich als unbegründet: Normalerweise wird nach jeder Fütterung von dem Jungvogel in Richtung des einfallenden Lichts abgekotet. Dieser Kot ist sehr flüssig, wie man sich bei reiner Fischnahrung ja vorstellen kann und fließt daher nach einiger Zeit geradezu in der leicht abfallenden Höhle Richtung Ausgang. Die Elterntiere nehmen einen Teil dieser Exkrememte mit ihrem Brustgefieder auf, was zu hefigem Waschen des Gefieders nach jeder Fütterung führt.
Darüberhinaus bilden sich aus den Fischschuppen und Gräten Gewölle, die von den Jungen in die Höhle abgegeben werden. Während die Gewölle unbedenklich sind, kann der Kot natürlich zu einer starken Verschmutzung der Jungtiere führen, was vermutlich ihren Tod bedeuten würde.
Aber nichts passierte. Die Jungen bleiben sauber wie am ersten Tag und gaben ihren Kot trotz der of sehr schnellen Fütterungsfolge brav Richtung Höhlenausgang ab. Ich bastelte mir aus einem alten Esslöffel einen Kratzer, mit dem ich einen Teil des Kots nach jeder Fütterung aus der Höhle entfernte und dies klappt perfekt. Und so vergingen der Donnerstag, Freitag und das Wochenende und die Jungen wachsen und gedeihen.

Fortsetzung 4

Die Jungen sind jetzt zwei Wochen alt. Sie sind jetzt voll befiedert, obwohl, so genau stimmt das nicht. Denn alle Federn befinden sich noch in ganz dünnen Hüllen, auch dies ist ein Schutz vor Verschmutzung. Erst kurz vor dem Ausfliegen zerfallen die Hüllen zu feinem Staub. Aber die Färbung ist in vielen Einzelheiten bereits erkennbar: die blau-weiße Fleckung der Kopf-Oberseite und der blaue Rücken leuchten schon deutlich. Lediglich die Brust ist noch eher schmutzig-braun.

Die Fütterung alle 4 Stunden bewährt sich mehr und mehr. Die Jungen sind dazwischen ziemlich ruhig und erst wenn das Licht meiner kleinen Taschenlampe in die Höhle fällt beginnen die vorn sitzenden heftig zu betteln.
Im Handbuch der Vögel Mitteleuropas lese ich nach, dass der Tagesbedarf an Fisch für die Jungvögel etwa 25 % ihres Körpergewichts ausmacht. Aber das kann hier nicht stimmen. 50 bis 60 Kleinfische verbrauchen die sechs Kleinen täglich, mal durchschnittlich 3 Gramm = 150 bis 180 g Futterbedarf. Am Mittwoch besorge ich mir eine genaue Waage und messe nach: morgens 55 g, mittags 65 g, nachmittags 68 und abends nochmals 60 g bedeuten einen Tagesbedarf von 248 g. Dies bedeutet, dass jeder Jungvogel etwa 40 g Fisch pro Tag verschlingt, was in etwa seinem derzeitigen Körpergewicht entspricht. Ich glaube Vergleiche mit Menschenbabys und ihrem Bedarf an Muttermilch sollte man an dieser Stelle nicht anstellen...

Fortsetzung 5

In den letzten Tagen herrschte reger Betrieb bei den Fütterungen der Jungen Eisvögel. Immer wieder wollten Freunde und Bekannte gern an den Geschehnissen teilhaben, und warum auch nicht? Gestern war eine Frau von der Glocke da, sie war total begeistert und wird darüber einen Bericht bringen. Und heute waren es Leute vom Fernsehen, vom Lokalstudio in Bielefeld und welche tollen Aufnahmen ihnen gelangen möchte ich hier noch nicht verraten, ich hoffe, jeder wird sie nach dem Ausfliegen der Jungen im Fernsehen sehen können.
Die sechs Kleinen reagieren jetzt sogar auf meine Stimme. Erst wenn ich sie anspreche, und dies kann auch aus einigen Metern - Entfernung sein, beginnen sie zu betteln. Ich füttere jetzt etwas größere Fischchen, dadurch geht es schneller. Nach jeweils zwei Fütterungsrunden sind die Jungen satt.
Heute ist der 10. Tag nach dem Tod der Altvögel. Noch wenige Tage und es nähert sich der spannende Moment des Ausfliegens. In den nächsten Tagen werden zwei Freunde von mir die Fütterung übernehmen, daher wird auch hier eine kleine Berichtspause eintreten. Aber wenn ich von meiner Naturschutztagung zurück bin, werde ich sofort über den weiteren Fortgang berichten. Ich hoffe, die Kleinen warten mit dem Ausfliegen auf mich. Es wird sicher spannend...

Fortsetzung 6

Das Wochenende und die ersten Tage der neuen Woche verliefen eher ruhig. Dies auch deshalb, weil die benötigte Futtermenge jetzt erheblich zurückging: nur noch ein mittelgroßes Fischchen pro Mahlzeit wurde benötigt und damit nur noch etwa die Hälfte wie eine Woche zuvor. Am Samstag erkundigte sich Margret Bunzel-Drüke nach dem Fortgang der Dinge. Sie gab uns den Tipp, doch eine Futterstelle für die Kleinen einzurichten, um ihnen nach dem Ausfliegen das eigenständige Fischen ein wenig zu erleichtern. Dieses wurde dann auch in die Tat umgesetzt und unter überhängenden Zweigen am Teich zwei perforierte helle Eimer befestigt und mit Kleinfischen besetzt.

Am Dienstagabend erschienen die Jungen bedeutend unruhiger und ließen häufige kurze "Tschick"-Laute hören. Mein Freund, der die Versorgung übernommen hatte meinte, dass sie die Höhle wohl nun bald verlassen würden. Und er sollte Recht behalten.
Denn am Mittwochmorgen war sie leer. Zum Glück strahlte die Sonne vom Himmel an diesem der Tag. Das eigentliche Ausfliegen hat also niemand beobachten können und auch der errechnete Termin am Freitag oder Samstag wurde um 2 - 3 Tage vorverlegt und ich konnte nicht dabei sein.
Denn schon am Vormittag zeigten sich die Jungen an verschiedenen Stellen am Teich, wie sie immer wieder ins Wasser herabstießen. Wohl zum Baden, aber vielleicht waren es auch schon erste Jagdversuche auf kleine Stichlinge.
Am Nachmittag saßen dann fünf der Kleinen nebeneinander auf einem Ast im Einlaufbereich des Baches und jetzt konnten meine Freunde auch mehrere eindeutige Jagderfolge beobachten. Der Flug ins Leben ohne die betreuenden Altvögel ist geglückt.

"Lebt wohl kleine fliegende Edelsteine" - Ende?

(Schloß Holte-Stukenbrock im Juli 2004,
Text und Fotos: Gerhard Brechmann)

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