Nilgans und Kanadagans - Bestandsentwicklung im Kreis Gütersloh

Wer durch die Güterloher Landschaft wandert, wird früher oder später auf die Nilgans und Kanadagans aufmerksam werden. Der rauhe Ruf der farbenfrohen, ursprünglich in Afrika heimischen Nilgans gehört ebenso wie die melodische, weittragende Stimme der ursprünglichen Nordamerikanerin Kanadagans zu den normalen Lauten in der Landschaft. Das ist noch nicht lange der Fall. Die Nilgans kam 1994 aus der Lipperegion zu uns, während die Kanadagans 1998 aus dem Westen von Münster in den Kreis Gütersloh einwanderte. Beide Arten passen sich mit unterschiedlichen Strategien an unsere Kulturlandschaft an und profitieren dabei im wesentlichen von fehlender Konkurrenz in ihrem Lebensraum, den künstlich geschaffenen Baggergewässern, und der Fähigkeit sich aus der Agrarlandschaft zu ernähren. Die Besiedlung dieser vormals von keiner alteingesessenen Wasservogelart genutzten, freien Lebensraumnischen erfolgt ab 2000 sehr rasant mit fast alljährlicher Verdoppelung der Bestände. Die Ausbreitung hat aber auch schon erkennbare Grenzen. Das Angebot an geeigneten Brutplätzen in halbwegs ungestörter Lage limitiert den Bruterfolg und damit die Nachwuchsrate. Interessant ist dabei die Konkurrenzsituation zwischen diesen beiden Neulingen.

ie Besiedlung unserer Gütersloher Landschaft durch zwei gut zu beobachtende neue Arten ist ein interessantes Freilandexperiment für jeden Naturbeobachter. Es lohnt sich auch immer, mit dem Fernglas ein Blick auf die Gänsebeine zu werfen, denn viele Gänse sind zu wissenschaftlichen Zwecken beringt. Durch das Ablesen der Farbe und den Zahlen ist eine weitere Erforschung des Gänseverhaltens möglich. Meldungen werden von der GNU-Geschäftsstelle weitergeleitet.

Um zu einen Überblick zur bisherigen Sachlage beizutragen, möchten wir hier eine erste Auswertung der gesammelten Daten und Einblicke vorstellen.Erfassung- & ZählmethodenWir verwenden zwei Methoden zur Datenerhebung:1. Die Streckenzählung, bei der von uns vom Fahrrad aus über 40 Vogelarten, einschließlich Nil- & Kanadagans, in der Region südlich des Teutoburger Waldes bis Delbrück - Lippstadt - Warendorf erfasst werden. Die alljährliche Streckenlänge liegt bei etwa 14.000 Kilometern.2. Die Brutpaarerfassung bei den Wasservogelzählungen an ca. 70% der 50 größeren im Kreis Gütersloh gelegenen Gewässern, wobei natürlich auch zusätzlich interessante Kleingewässer mit erfasst werden

Nilgans

Herkunft und Ausrichtung

Die Nilgans hat ihr Verbreitungszentrum seit den 80iger Jahren am Niederrhein und hat sich von dort über die Lippe langsam bis in die Paderborner Lippeaue mit ihren zahlreichen Kiesgruben und damit in unsere Region ausgebreitet. Der Sprung in den Kreis Gütersloh erfolgte über das Steinhorster Becken an der Kreisgrenze auf Paderborner Gebiet in die Rietberger Emsniederung. Die Herkunft einer Nilgans aus dem Lippstädter Gebiet konnte durch Ringablesung bestätigt werden. Im NSG Rietberger Fischteiche erfolgte dann auch 1994 die erste erfolgreiche Brut.
In jedem Spätwinter und Frühjahr fliegen die Nilganspaare weit umher und inspizieren dabei jedes Gewässer vom Baggersee bis zur großen Blänke auf einer Ackerfläche. Dieses Verhalten hat sich in ihrer ursprünglichen afrikanischen Heimat bewährt, wo nach den seltenen kräftigen Regenfällen neu entstandene, aber auch bald schon wieder austrocknende Gewässer schnell entdeckt und für die Brut genutzt werden können. Man braucht sich also nicht wundern, wenn eines Tages ein Nilganspaar auf dem nassen Acker vor der Haustür lautstark am Balzen ist. Zur erfolgreichen Brut werden letztlich allerdings meistens dauerhafte Gewässer genutzt. Durch ihre hohe Mobilität werden günstige Gewässer schnell gefunden und folgerichtig erfolgten die nächsten Bruten schon weiter verteilt im Kreis Gütersloh bei Brockhagen, Harsewinkel und Versmold an Baggerseen. In den folgenden Jahren hat die Nilgans die Verbreitungslücken aufgefüllt und mit zunehmender Konkurrenz werden auch weniger günstige Gewässer besetzt, bis hin zu kleinen Privatteichen und Ackerblänken. Seit 2002 sind alle geeigneten Regionen im Kreisgebiet von der Nilgans besiedelt worden.

Bestandsentwicklung

Für den Überblick über die Bestandsentwicklung bietet sich die Beobachtungshäufigkeit bei der Streckenzählung an, bei der die gesichtete Anzahl als Jahressumme dargestellt wird.
Nach anfänglich geringer Beobachtungshäufigkeit meistens von Einzelvögeln oder umherziehenden Paaren bis 1999 zeigt sich ab 2000 ein starker Anstieg, der die flächendeckenden Besiedlung unserer Region belegt.

Ein entsprechendes Bild zeigt auch der Anstieg der erfolgreichen Brutpaare im Kreis Gütersloh. Nach der ersten Brut 1994 im NSG Rietberger Fischteichen erfolgt in den nächsten Jahren nur eine geringe Zunahme. Erst ab 2000 kommt es zu einem raschen Anstieg, der sich allerdings aufgrund der begrenzten Anzahl geeigneter Brutgewässer schon abzuschwächen beginnt.

Brutgewässer

Die Brutgewässer werden nicht konstant in jedem Jahr wieder besetzt. Vor allem die weniger geeigneten Gewässer sind nur unregelmäßig von Nilgänsen besetzt und oft wird auch nicht zur Brut geschritten, obwohl intensive Balz und Paarungen zu beobachten sind. Die ständige Anwesenheit eines Paares ohne ernsthaften Brutversuch ist übrigens typisch für die erstmalige Besiedlung eines Gewässers in der Anfangsphase der Nilgansbesiedlung des Kreisgebietes. Ob es sich dann um ein noch nicht brutfähiges junges Paar oder um einen "Testsommer" handelt, ist dabei nicht immer zu erkennen. Am Anfang der Besiedlung werden frische Abgrabungsgewässer bevorzugt, an denen aufgrund fehlender Konkurrenz kein Streit um Brutplätze stattfindet. Die Brutplätze werden am liebsten auf bewachsenen Inseln angelegt, ersatzweise aber auch auf dem Saugbagger. Bei fehlenden Brutgelegenheiten auf Inseln, aber auch bei Störungen oder Kanadagans-Konkurrenz, werden schließlich auch im weiteren Umfeld in Gebüschen, Gebäuderesten/Sperrmüll und selbst Mäusebussardnestern Neststandorte gesucht. Bei nunmehr höherer Nilgansdichte, wodurch die günstigen Gewässer nahezu alljährlich von bruterfahrenen Paaren schon im Spätwinter besetzt werden, kommen zunehmend andere Gewässer von ungünstigen Altbaggerseen über private Fischteiche bis hin zu Blänken in Naturschutzgebieten und feuchten Ackersenken als Brutgewässer in die Auswahl. Dadurch bedingt kommt es oft zu Brutaufgaben an ungeeigneten Gewässern, wie austrocknenden Blänken oder stark beunruhigten Gewässern, an denen die Brutpaare zwar lange ausharren, aber nicht zur Brut schreiten oder nach mehreren Versuchen keinen Bruterfolg aufweisen. Diese Paare sammeln sich schon ab Juli an speziellen ruhig gelegenen Gewässern, wo sie oft zusammen mit den nicht verpaarten Artgenossen einen ruhigen Sommer verbringen. Im Kreisgebiet haben sich 2 Baggerseen im Bereich von Harsewinkel und Brockhagen als Sammelgewässer etabliert. Da dort auch die Mauser mit eingeschränkter Flugfähigkeit stattfindet, ist es besonders wichtig, dass es dort zu keinen übermäßigen Störungen kommt. Gerade sonnig-warme Sommer mit ihrem Ansturm an Badegästen und Sonnenanbetern auf die Baggerseen sowie die an nahezu allen Gewässern im Kreisgebiet stattfindende Störung der Gewässer durch Angler entwertet viele als Brutplätze für Wasservögel.
Ein an Bedeutung gewinnender Faktor ist die Konkurrenz zur körperlich deutlich überlegenen Kanadagans. Diese führt in der Regel zur Verdrängung von der Brutinsel und zum heimlichen Rückzug an andere Gewässer oder auch nur in das angrenzende Umfeld. Die dann regelmäßig im weiteren Umfeld erbrüteten Jungen werden aber oft anschließend wieder zum von den Kanadagänsen besetztem Gewässer zurückgeführt, wo diese dann immer auf Abstand zu den Kanadiern bedacht problemlos aufwachsen. Auch hier zeigt sich die Flexibilität der Nilgans.

Brutpopulation & Bruterfolg

Nicht jede Nilgans ist verpaart, nur 58 Prozent des Sommerbestandes sind Paare. Von den Paaren wiederum ist nur ziemlich genau die Hälfte erfolgreich, d.h. zieht Junge auf. Diese knapp 30 Prozent des Gesamtbestandes sorgen für die Fortpflanzung, während der Rest die Populationsreserve darstellt. Junge Paare und solche die erstmalig an einem Gewässer brüten, haben oft weniger Junge als die erfahreneren Paare. Zudem sinkt die durchschnittliche Jungenzahl mit fortschreitender Besiedlung und damit einher gehender Konkurrenz, bzw. durch Ausweichen auf ungünstigere Brutgewässer.

Jahresverlauf

Es gibt einen klaren Jahresverlauf in den Aktivitäten der Nilgans außerhalb des Kreises Gütersloh, z.B. in der Paderborner Lippeniederung. Im Spätsommer werden die Familien mit ihren nunmehr flugfähigen Junggänse zunehmend mobil und Im Winter sind allenfalls Einzeltiere/-paare in Kreisgebiet zu sehen. Im Spätwinter ab Februar tauchen dann die Vögel aus dem unbekannten Winterquartier auf, wobei die Paare diverse Wasserflächen zur Inspektion aufsuchen und dabei dem Beobachter auffallen. Auch Frost hält die Nilgänse nicht ab und mitunter balzen Ende Januar schon die ersten Paare auf dem Eis zugefrorener Gewässer. Ab Mitte Februar ist die Entscheidung für das Brutgewässer gefallen und schon einen Monat später sind die ersten Gänsefamilien unterwegs. Bis zum Sommer reduziert sich die Anzahl der Nilgänse wieder auf die etablierten Brutpaare an ihren Brutgewässern. Ein Teil der erfolglosen Paare verlässt die vorübergehend besetzte Brutterritorien und ziehen zu den Sammelplätzen an ruhige Baggerseen zur Mauser, wo sie sich mit Gruppen der Nichtbrüter zusammenfinden. Diese Gewässer liegen zum Teil erkunden großräumig die Gewässer im Umfeld, mischen sich aber vorerst nicht unter die Nichtbrüter-Mausergruppen. Zum Herbst trennen sich die Jungen von den Eltern. Die Altvogelpaare bleiben zusammen und halten sich mitunter wieder längere Zeit im Brutgebiet auf, während die Jungen zuerst als Geschwistergruppe umherziehen und sich schon bald an die Nichtbrütergruppen an den Sammelgewässern anschließen. Im Herbst zeigen sich dann vermehrt Junggansgruppen und Einzelpaare an potentiellen Brutgewässern. Zum Winteranfang erfolgt der Abzug vieler Individuen an große Sammelplätze in der Lipperegion, wobei zunehmend auch Überwinterergruppen in der Emsaue verbleiben, wo sich im November schon seit zwei Jahren kurzzeitig durchwandernde Nilgänse sammelten und sich erst durch starken Frost mit Vereisung der Gewässer vertreiben lassen.
Für die Herbst- und Winteraufenthaltsorte stellt die Entenjagd eine massive Störungsquelle da. Sobald an einem Nilgansgewässer die Entenjagd beginnt, verlassen die Nilgänse (und andere scheue Wasservögel) das Gewässer vollständig, womit es als Winterlebensraum ausfällt. Da im Kreis Gütersloh selbst an den beiden einzigen Baggerseen in Naturschutzgebieten regelmäßig gejagt werden darf ? obwohl diese zum Schutz rastender und brütender Wasservögel ausgewiesen wurden ?, fallen fast alle der über 50 Baggerseen im Kreisgebiet als Rückzugsraum aus.

Flächennutzung

Das wesentliche Erfolgsgeheimnis für die Ausbreitung der Nilgans ist neben der Nutzung von Baggerseen und anderer künstlicher Gewässer zur Brut, ihre Fähigkeit sich aus der intensiv genutzten Kulturlandschaft zu ernähren. Am liebsten sucht sie gewässernahe Flächen zur Nahrungssuche auf, fliegt aber mitunter auch kilometerweit zu ergiebigen Nahrungsquellen.
Zur Nahrungssuche wird mit 45 Prozent eindeutig Grünland in Form kurzrasiger Viehweiden und Wiesen bevorzugt. Ein weiterer Anteil der Nahrung wird im direkten Gewässerbereich in Flachwasser, Ufersaum und Röhricht gesammelt, wobei die Gewässer vornehmlich als Ruheraum dienen. Als Zubrot hält die Nilgans Nachlese auf abgeernteten Mais- & Getreidefeldern (12 Prozent) oder sucht Zwischenfruchtäcker mit Ackersenf und Ölrettich (2 Prozent) auf. Auf stillgelegten Brachflächen (7 Prozent) findet sie schließlich noch Sämereien und Kräuter zur Abrundung des Speisezettels, dabei werden die Samen aus den Grasähren geschickt mit einer seitlichen Kopfbewegung abgestreift.

Perspektiven

Die Nilgans wird den Kreis Gütersloh bis zur Lebensraumkapazität besiedeln. Begrenzend wirken sich das Angebot von Brutgewässern und ruhigen Mausergewässern aus. Bei den Brutgewässern ist schon eine harte innerartliche Konkurrenz und zunehmend auch mit der Kanadagans zu erkennen. Dass die Hauptphase der Expansion vorüber ist, deutet sich auch beim Bruterfolg an, der beständig sinkt, was für gesättigte Populationen typisch ist. Ein weiterer starker Zuwachs ist nicht mehr zu erwarten.

Herkunft und Ausbreitungsrichtung

Die Kanadagans hat den Kreis Gütersloh gleich von zwei Seiten besiedelt. Das erste Brutpaar 1999 im Süden des Kreises stammt höchstwahrscheinlich von den Nachkommen der Freiflughaltung am Golfplatz Vornholz im Kreis Warendorf ab. Der Hauptschub erfolgte in den folgenden zwei Jahren vom EU-Vogelschutzgebiet Rieselfelder Münster aus Westen. Da die Münsteraner Kanadagänse teilweise beringt sind, konnten frhzeitig mit zwei Ablesungen und der Sichtung drei weiterer mit den gleichen Coderingen ausgestatteter Vögel direkte Nachweise erfolgen. Die Ausbreitung erfolgt von Westen und Süden nach Osten, wobei der Rietberger Raum erst 2002 erreicht wurde. Bisher werden mit nur wenigen Ausnahmen Baggerseen besiedelt.

Bestandsentwicklung

Die Daten der Streckenzählung verdeutlichen den kontinuierlichen Anstieg der Beobachtungshäufigkeit ab 2000. Davor zeigte sich ab 1993 die Kanadagans nur vereinzelt in unserer Region. Ebenso verhält sich der Anstieg der erfolgreichen Brutpaare im Kreis Gütersloh.

Kanadagans

Ebenso verhält sich der Anstieg der erfolgreichen Brutpaare im Kreis
Nach der ersten Brut 1999 bei Sankt Vit erfolgt in den nächsten Jahren eine kontinuierliche, langsame Zunahme, die sich zur Zeit auf ihren Höhepunkt zu bewegt.

Brutgewässer

Zur Brut werden bewachsene, d.h. oft ältere Abgrabungsgewässer bevorzugt, wobei die Nester fast immer auf bewachsenen Insel angelegt werden. In Gebieten mit höherer Siedlungsdichte werden zunehmend andere Gewässer wie Fischteiche und Privatteiche angenommen, wobei es bisher nur selten zu erfolgreichen Bruten kommt. Bei der Brutplatzwahl ist die Kanadagans wesentlich unflexibler als die Nilgans. Andererseits kann die Kanadagans unter den vorhandenen Brutgewässern konkurrenzfrei wählen, denn sie ist der Nilgans und auch der Graugans körperlich deutlich überlegen und entscheidet Streitigkeiten bisher immer für sich.

Brutpopulation & Bruterfolg

60 Prozent des Sommerbestandes sind Paare, aber nur ein Drittel dieser Paare pflanzt sich erfolgreich fort. 19 Prozent des Gesamtbestandes sorgen somit für die Fortpflanzung, was ein deutlich geringerer Anteil als bei der Nilgans darstellt. Junge Paare haben auch weniger Junge als die erfahreneren Paare, was bei vielen größeren Vogelarten zu beobachten ist. Die durchschnittliche Jungenzahl liegt noch über dem der gesamten Region (GT, PB, WAF, SO), was für die Expansionsphase normal ist, wobei sich schon ein Absinken der durchschnittlichen Jungenzahl andeutet.

Jahresverlauf

Auch bei der Kanadagans gibt einen klaren Jahresverlauf in den Aktivitäten. Im Winter sind nur wenige Einzeltiere/-paare in Kreisgebiet zu sehen. Im Frühjahr erscheinen ab April ? also deutlich später als die Nilgans - fast über Nacht zahlreiche Paare im Kreisgebiet und fliegen die potentiellen Brutgewässer an, inspizieren aber auch sämtliche andere Wasserflächen.
Im Hochsommer zeigen sich fast nur die etablierten Brutpaare an ihren Brutgewässern. Die Nichtbrüter verlassen offenbar vorübergehend besetzte Brutterritorien schnell wieder und ziehen zu verschiedenen Sammelplätzen an Baggerseen in der Region zur Mauser ab. Im Kreisgebiet finden sie sich vor allem an einem Greffener Baggersee zusammen.
Im September werden die Familien mit flugfähigen Junggänse aktiv und erscheinen an vielen Gewässern der Umgebung und schließen sich bald den Nichtbrüter-Mausergruppen an. Im ganzen Herbst bleiben die Mausersammelgewässer aktueller Aufenthaltsraum und es erfolgen truppweise Nahrungsflüge auf die Wiesenflächen, z.T. auch auf abgeerntete Mais- & Getreidefelder insbesondere in der Emsniederung. Zum Winteranfang erfolgt der Abzug vieler Individuen an unbekannte entferntere Orte. Die Daten der beringten Gänse legen die Vermutung nahe, dass sie im Winter regelmäßig den Norden der Niederlande ansteuern. Möglicherweise schließen sich einige Gütersloher Kanadagänse auch zeitweise der sich seit 2001 im Warendorfer Grenzgebiet zwischen Füchtorf und Versmold aufbauenden Gänsegruppe an. Sicher ist diese Vermutung aber nicht, da sich in den letzten Jahren durch unsere Ringablesungen zeigte, dass die Gruppenzusammensetzung oft wechselt. Insbesondere zwischen der Jahreswende und dem Frühjahr sind auch Kanadagänse aus Münster, Arnsberg, Bochum und Oelde  "mitunter zusammen in einem Trupp" Bestandteil dieser Warendorfer Wintergruppe, die sich seit dem Winter 2001/2002 von ca. 120 Gänsen auf zur Zeit maximal 239 Kanadagänsen vergrößert hat. Diese Gänsegruppe versucht offenbar den Winter in unserer Region durchzustehen und zieht erst ab, wenn starker Dauerfrost die Gewässer vereist und/oder eine Schneedecke die Nahrung unzugänglich macht.
Familienzusammenhalt: Die Familien bleiben auch in den großen Sammelgruppen und bis zum Frühjahr zusammen. Spätestens bei der Ankunft am Brutgewässer im März/April vertreiben die Eltern ihre vorjährigen Jungen, was mitunter recht ruppig erfolgt. Oft ist im Frühjahr die Anzahl der Junggänse in den Familien unvermindert, was für eine geringe Sterblichkeit der Junggänse in ihrem ersten Winter spricht.

Flächennutzung

Zur Nahrungssuche suchen die Kanadagänse zu über 70 Prozent Grünlandflächen und dabei hauptsächlich kurzrasige Viehweiden und Wiesen auf. Ruhige Gewässer werden in der Hauptsache zur Ruhe benötigt, wenngleich auch Ufervegetation zum Nahrungsspektrum gehört. Die Nahrungssuche auf Getreidefeldern spielt mit nur 3 Prozent eine untergeordnete Rolle. Im Vergleich mit der Nilgans ist die Kanadagans also auch in diesem Punkt eingeschränkter und stellt sich als regelrechter "Weidevogel" da.

Perspektiven

Auch die Kanadagans wird den Kreis Gütersloh bis zur Lebensraumkapazität besiedeln können. Begrenzend wirkt sich das Angebot von geeigneten Brutgewässern mit ungestörten Neststandorten (Inseln) und ruhigen Mausergewässern mit erreichbaren Weideflächen in der Umgebung aus. Zur Zeit findet die Hauptphase der Expansion statt, wobei sich beim sinkenden Bruterfolg schon eine gewisse Sättigung andeutet. Von einem weiteren Zuwachs ist noch auszugehen, wobei aufgrund der Lebensraumansprüche vermutlich kaum mehr als 50 erfolgreiche Paare im Kreisgebiet eine Heimat finden werden.

Diskussion

Wenn neue Arten in der freien Landschaft auftauchen, wird schnell mit negativem Unterton von Faunenverfälschung gesprochen. Sicherlich sollte das Entkommen von Ziervögeln verhindert werden, die zum Großteil ohnehin nicht in der Freiheit überleben können, damit nicht aus aller Welt zusammengewürfelte Vogelbestände entstehen und unter Umständen nur vergleichsweise kleinräumig verbreitete Arten bedrängt werden. Andererseits stellt sich die Frage, ob es sinnvoll und überhaupt ohne noch schädlichere Nebenwirkungen machbar ist, bereits massiv in der Ausbreitung befindliche Neuarten an ihrer Ausbreitung zu hindern oder gar wieder aus der Landschaft zu entfernen. Nach jahrelangen Diskussionen ist mittlerweile aus fachwissenschaftlicher Sicht klar, dass Arten wie die Nil- & Kanadagans, die inzwischen mit mehreren Zehntausend Individuen große Teile von Europa bevölkern, nicht mehr "zurückholbar" sind. Gleichfalls haben sich anfängliche Befürchtungen nicht bestätigt, wonach diese Arten zu einer Verdrängung und Ausrottung heimischer Arten führen könnten. Gerade Nil- & Kanadagans erobern Nischen in Lebensräumen, die von den heimischen Arten nicht besetzt werden konnten und leben zusätzlich, aber nicht auf Kosten anderer Arten bei uns in der Landschaft. Ihre Lebensraumanpassung wird von vielen wissenschaftlichen Stellen im positiven Sinne interessiert verfolgt und eine Verfolgung wird weder für sinnvoll noch für notwendig gehalten.
Funktionäre der Jägerschaft konservieren allerdings die Ansicht, dass die "Fremdlinge" reduziert werden sollten mit der Schrotflinte. Keine der beiden Gänsearten darf bejagt werden: die Nilgans unterliegt nicht dem Jagdrecht und die Kanadagans hat in NRW keine Jagdzeit. Wer diesen Jagdschutz aufheben will, sucht sich dann entsprechende Schlagworte. Dass eine Kontrolle über die Jagd nicht funktioniert, ist an anderer Stelle schon festgestellt worden und auch, dass bei der Gänsejagd auf einen getöteten Vogel mehrere Verletzte kommen, so dass 60 Prozent des Gänsebestandes giftige Schrotkugeln im Körper trägt, ist nicht neu und weiterhin nicht vertretbar. Jeder Naturfreund sollte sich dafür einsetzen, dass der Jagdschutz erhalten bleibt, auch damit er sich ungestört an den hübschen Neulingen erfreuen kann.