Von der traditionsreichen Jagd auf Vögel oder warum das Schießen mit Bleischrot nicht mehr zeitgemäß ist
Für zahlreiche Jäger ist die Eröffnung der Niederwildjagdsaison der Höhepunkt des Jahres. An einem sonnigen, kühlen Herbstmorgen draußen in der Feldflur in geselliger Runde oder auch allein mit Hut, Hund und natürlich der blankgeputzten Schrotflinte Natur erleben, wie es schon der Vater und Großvater erlebt und genossen hat, v.a. wenn am Abend der erschossene Naturgenuß bleigespickt auf dem Teller liegt. Tradition, Naturliebe, Eigenversorgung sind die Worte, die zur Rechtfertigung der üblichen Jagdpraxis immer wieder fallen.
Der Nichtjäger kommt mit der Jagd kaum in Berührung, allenfalls die Treibjagd auf dem straßennahen Feld oder die Futteranlagen im Wald fallen ihm auf. Wer sich jedoch intensiver mit der Naturbeobachtung beschäftigt, stößt zwangsläufig häufiger und unter verschiedenen Aspekten auf des Treiben der Jäger. Wer dem romantischen von der Jägerschaft beschworenen Bild nachhängt, in dem der Jäger nur den natürlichen Überschuss an eßbaren Tieren entnimmen und sich ansonsten an der Natur erfreuen, die sie sorgsam schützen, wird bei näherer Betrachtung schnell enttäuscht.
Der Punkt der Selbstversorgung braucht wohl nicht ernst genommen werden. Beim Begriff "natürlicher Überschuss" lohnt es sich schon eher zu verweilen. Nach der sommerlichen Vermehrungsphase erreicht die Kopfstärke der Tierpopulationen normalerweise ihren Höhepunkt, aber die Definition, was davon ein Überschuß ist, der nicht als erforderlicher Nachwuchs zum Erhalt der Art benötigt wird, ist nicht eindeutig zu treffen. Von keiner Tierart weiss der Jäger die genaue Anzahl und die zukünftige Sterblichkeitsrate, woher soll er also die Anzahl überschüssiger Exemplare kennen?
Und die Selektion in der natürlichen Umwelt gewährleistet das Überleben der überlebensfähigsten Individuen, während ein erheblicher Teil der Jäger je nach Gelegenheit alles, was in Reichweite kommt, beschießt oder gar Trophähenzuchtwahl betreibt. Beides wirkt sich auf die Tierpopulationen nur auf destruktive Weise aus.
Aus dem gleichen Grund ist auch der Anspruch auf "Bestandsregulation in Stellvertretung der fehlenden natürlichen Feinde" (die oftmals als Jagdkonkurrenten ausgerottet wurden und deren Wiederausbreitung aus dem gleichen Grund massiv unterbunden wird) unhaltbar.
Bei in größerer Anzahl vorkommenden Kulturfolger-Arten wie der Ringeltaube ist das vielleicht nicht sonderlich brisant, aber wenn auf bestandsgefährdete Arten wie die Waldschnepfe oder einige Enten- & Gänsearten geschossen wird, bekommt dieser Punkt mehr Gewicht.
Höchst bedenklich sind gleichfalls die derzeit glücklicherweise abgewiesenen Bestrebungen des deutschen Jagdverbandes für gefährdete Arten wie der Waldschnepfe europaweit längere Jagdzeiten bis ins Frühjahr durchzusetzen. Wenn derartige populationsschädigende Praktiken im Namen der Tradition gefordert werden, entlarven sie die Jäger letztlich nur als traditionelle Schießer ohne Bezug zu fundiertem biologischen Wissen.
Bei den Lieblingsjagdtieren verfolgt die tägliche Jagdpraxis allerdings ohnehin andere Ziele, denn den allermeisten Jägern reicht die natürliche Populationsstärke generell nicht aus. Gerade den jagenden Landwirten liegt es offenbar im Blut, zur Produktionserhöhung Futterstellen einzurichten. Dass dabei mit z.T. regelrechten Fütterungsanlagen sowie speziellen Futterpräperaten & -gemischen fast haustierstallähnliche Verhältnisse geschaffen werden, zeigt dabei, wieviel Wert auf Natürlichkeit gelegt wird.
Besonders bemerkenswert ist es in dieser Situation, wenn sich die Jäger als Retter beispielsweise der öffentlichen, entenüberfüllten Parkgewässer anbieten und zum "Schutz des Allgemeinwohles" die Stadtteichenten zusammenschießen" die sie vor ein paar Wochen ausgesetzt haben und von den Parkbesuchern großfüttern ließen.
Dass von vielen Jägern jährlich Hunderte von Stockenten ausgesetzt oder zumindest angefüttert und durch Bruthilfen aller Art gefördert werden, aber gleichzeitig von der Notwendigkeit einer Eindämmung der "Entenplage" und dem Jäger als tätigem Retter gesprochen wird, erscheint auch Normalbürgern schwer vermittelbar.
Eine der Fütterungseinrichtungen, wie sie im Kreis Gütersloh regelmäßig zu finden sind. Nicht alle sind derart gepflegt und einige bilden durch verdorbene und verschmutzte Futterreste auch eine Quelle für Krankheiten und Parasitenausbreitung.
Wird die angefütterte Tieranzahl als immer noch nicht zufriedenstellend erachtet, bzw. ist durch ein ungeeignetes Umfeld kaum eine natürliche Reproduktion vorhanden, werden in großen Gehegen gezüchtete Tiere ausgesetzt " beliebt ist diese Praxis insbesondere bei Fasanen und Stockenten.
Die Aussetzungsorte sind bei uns im Kreisgebiet v.a. spezielle Jagdteiche, aber auch sämtliche Baggerseen und sogar illegalerweise Biotopschutzteiche, die dann anstatt Heimat für Frösche und Molche zu bieten zu stinkenden Entenmastteichen verkommen.
Diese angefütterten Tieransammlungen stellen zwangsläufig auch einen Anziehungspunkt für Greifvögel da, die sich für die gut genährten und - wenn aus Zuchten stammenden - auch haustierartig-tolpatschigen Mast-Fasane interessieren. Der Jäger wiederum hat für sein Jagdvergnügen einiges an Geld investiert und toleriert diese Form von natürlicher Bestandregulierung in der Regel nicht. Die Abwehrmaßnahmen können im legalen Fall in Fallen gegen Raubsäugetiere bestehen.
Dem geschützten Habicht wird hingegen immer noch illegal mit Fallen und Blei nachgestellt um sein "Eigentum zu schützen". Die Tötung von Wildtieren beschränkt sich somit nicht mehr auf essbare Arten, sondern es werden auch lästige Konkurrenten getötet und verscharrt. So führt dieser angeblich naturfreundlicher Jäger schon bald einen Privatkrieg gegen "Jagdschädlinge" und das nennt sich dann Wildhege. Dieser Begriff mit langer Jagdtradition hat v.a. im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts zur weitgehenden Ausrottung aller ungeliebten Greifvögel durch Vergiften, Fallen und Abschuss geführt. Die derzeit zunehmenden illegalen Verfolgungen "auch wieder mit tierquälerischem Gift und Fallen" gehört regional schon wieder zu den Rückgangsursachen der geschützten Greifvögel.
Diese Art von illegalen Krähen-, Elstern- und Greifvogelfallen finden sich auch im Kreisgebiet noch regelmäßig an versteckten Orten in den Jagdrevieren.
Der Besitzer dieser Falle musste teuer bezahlen und die Falle unter Aufsicht zerstören. Es lohnt sich also, wenn der Naturfreund und Spaziergänger derartige gesichtete Anlagen bei der Unteren Landschaftsbehörde im Kreishaus zur Anzeige bringt " jeder Vogelfang mit Fallen ist illegal und quält und verstümmelt die Wildvögel unserer heimatlichen Landschaft!
Aber als Konkurrenten werden auch die Rabenvögel, insbesondere die Rabenkrähe angesehen. Entgegen den Schutzbestimmungen der EU, die eine Tötung von Tieren ohne sinnvollen Grund (Jägerneid ist keiner) verbietet und die Rabenvögel folgerichtig als geschützte Arten ausweisen, wurde in NRW auf Druck der Jagdverbände eine Ausnahmereglung eingeführt, welche die Rabenkrähe und die Elster für vogelfrei erklärt. Diese Ausnahme führt zu wieder auflebenden Hassreaktionen und äußert sich in solchen Bildern:
Einige Jäger und Bauern nehmen es zudem nicht so genau mit der Artenbestimmung und so fallen auch andere geschützte Arten ihnen jetzt zum Opfer. In vergangenen Wintern waren erschossene Saatkrähen im Brockhagener Raum zu sehen und auch Dohlen bei Herzebrock und Rheda-Wiedenbrück.
Weitere Bestrebungen zum Abschuss ungeliebter Arten auch bei anderen Interessengruppen, z.B. Kormorane bei den Anglern, sind im vollem Gange. Teile der Jägerschaft sind sich in solchen Fällen nicht zu schade als bezahlte Erfüllungsgehilfen zu agieren und sich neuer Abschussopfer anzunehmen "aus Tradition, Naturliebe oder Tradition" Das Denken der vorwissenschaftlichen Zeit holt uns offenbar wieder ein und wirft auch international ein schlechtes Bild auf deutsche Jäger, welche durch ihre Einflussnahme die deutsche Naturschutzpolitik zunehmend in Misskredit bringen.
Bisher wurden eigentlich nur die Randbedingungen der Jagdpraxis angesprochen, aber jetzt zum eigentlichen Schuss. Für die Vogeljagd wird in der BRD fast ausschließlich Bleischrot verwendet. Aus dieser Praxis ergeben sich einige Negativauswirkungen vor die Opfer und die Umwelt.
Das Bild veranschaulicht den Wirkungsbereich eines Schrotschusses in einen fliegenden Vogelschwarm aus den üblichen Entfernungen von 20 bis 45 Metern. Die mit wachsender Entfernung weit streuenden Schrotkugeln treffen neben dem anvisierten Vogel mitunter über 5 weitere Vögel. Die meisten von ihnen sind nicht direkt tödlich getroffen, sondern fliegen weiter.
An den Übernachtungsgewässern finden sich zur Jagdsaison fast jeden Morgen tote und verletzte Wasservögel. Bei unseren Wasservogelzählungen weisen in der fortgeschrittenen Jagdsaison 2 bis 6% der Enten erkennbare schwerere Verletzungen auf, die Masse der leichter Verletzten ist nur zu erahnen. Auf einen vom Jäger erbeuteten Vogel kommen je nach Vogelart und Jagdmethode zu 25 bis 200% weitere angeschossene Vögel, die einem mehr oder weniger langen Sichtum entgegengehen. Genauere Untersuchungen zeigen, dass es in Deutschland z.B. nur noch wenige mehrjährige Wasservögel gibt, die keine Schrotkugeln in diversen Körperteilen stecken haben oder konkreter: 30 bis 65% der bejagten Wasservögel von mehr als einem Lebensjahr haben Bleischrot im Körper.
Dem aufmerksamen Beobachter fallen auch in den Taubenschwärmen regelmäßig flugunfähige, fusslahme und einseitig erblindete Tiere auf, was zeigt, das diese Auswirkungen der Jagd nicht auf Wasservögel beschränkt ist.
Das verschossene Blei ist ein giftiges Schwermetall, welches das Tier über Jahre langsam vergiften kann. Ähnliches gilt auch für Schrotkugeln, die von den Vögeln bei der Nahrungssuche irrtümlich als Nahrungsteil oder Magensteinchen verschluckt werden " die Giftwirkung setzt im säurereichen Magen vergleichsweise schnell ein und führt zu qualvollen Vergiftungserscheinungen, die an intensiv bejagten Gewässern zunehmend zu einer ernsten Gefahr für die Wasservögel werden.
Bei Höckerschwänen ist die Bleivergiftung die häufigste Vergiftungsursache in Mitteleuropa und in den Mägen gründelnder Entenarten wurde ebenfalls regelmäßig Bleischrot im Magen gefunden.
Aus diesen Forschungsergebnissen ließ sich errechnen, dass in Deutschland jedes Jahr viele Tausend Vögel an Bleivergiftung sterben. Dazu kommt noch eine weitere Variante der Vergiftung bei Greifvögeln. Diese Artengruppe erbeutet naturgemäß häufig tote oder kranke Tiere und dem entsprechend oft angeschossene oder durch Bleivergiftung geschwächte Tiere. In Folge dessen nehmen sie ebenfalls erhebliche Bleimengen auf und so verwundert es nicht, dass z.B. in Norddeutschland vermehrt Greifvögel (insbesondere auch der seltene Seeadler) an Bleivergiftung sterben. In anderen Ländern ist aufgrund dieser Kenntnisse zumindest ein Verwendungsverbot für Bleischrot eingeführt worden.
Zum September 2002 ist endlich auch in NRW die Jagd (leider nur) an Gewässern mit bleihaltiger Munition verboten worden, so dass zumindest in diesem Teilbereich eine Verbesserung der Situation erfolgen wird. Nach diesem ersten Schritt in die richtige Richtung müssen aber noch weitere folgen " bis zum vollständigen Verbot von schwermetallhaltiger Munition.
Neben diesen direkten Beeinträchtigungen kommt es außerdem zu weiteren indirekten Negativauswirkungen auf den Naturhaushalt. Am bedeutendsten erscheint dabei noch die permanente Störung der rastenden Zugvögel und der Wintergäste. Wenn im Spätsommer & Herbst die Jagd auf die angelockten oder zuvor ausgesetzten, gut gemästeten Stockenten durchgeführt wird, ist auch Zugzeit der wandernden Vogelarten. Durch die generelle Beunruhigung an sämtlichen Gewässern im Kreisgebiet und immer wieder festzustellenden illegalen Abschüssen von geschützten Vogelarten wird eine für Zugvögel lebenswichtige stressarme Winterruhezeit mangels ungestörter Rückzugsgewässer unmöglich gemacht. Die Vögel werden zum Abwandern in weiter entfernte Regionen mit jagdfreien Gebieten gezwungen und damit einem erhöhten Überlebensrisiko ausgesetzt.
Eine Verstärkung erfährt dieser Effekt noch durch die zunehmende Scheu und Fluchtdistanz der bejagten Vögel.
Daraus ergeben sich zwei Aspekte:
Zum einen schränkt sich die Anzahl zur ungestörten Rast tauglichen Gebiete weiter ein, so dass effektiv weniger Vögel in einer dichtbesiedelten Landschaft unterkommen können. Im Kreis Gütersloh wird beispielsweise mit nur einer Ausnahme an allen größeren Gewässern auf Wasservögel und nahezu flächendeckend in Wald und Flur gejagt - selbst in den Naturschutzgebieten! In Folge dessen ist die Rastdauer durchziehender Arten nur kurz und Wintergäste selten, obwohl einige Arten durchaus in größerer Anzahl hier überwintern würden.
Desweiteren werden auch nicht direkt bejagte Arten durch die nervösen und frühzeitig flüchtenden Individuen mitgerissen und haben einen erhöhten Energieverbrauch, was v.a. im Winter und in der Zugzeit bei gleichzeitig eingeschränkten Möglichkeiten Nahrung zu finden (u.a. wiederum bedingt durch den hohen Fluchtabstand) direkt die Überlebensfähigkeit oder zumindest die Kondition negativ beeinflusst. Für einige mittlerweile europaweit gefährdete Vogelpopulationen wird die flächendeckende Störung der Rastgebiete auf dem Zugweg und in den Überwinterungsgebieten als Hauptursache ihrer Bedrohung angesehen.
Da die konventionellen Jagdverbände auf Ausweitung, bzw. Neueinführung der Jagdzeiten u.a. für Gänse drängen könnte sich die Ungastlichkeit NRW´s sowie des Kreises Gütersloh nochmals verschärfen.
Die aufgezeigte Situation in der Jagdpraxis wird im übrigen auch von einem "leider bisher nur kleinen" Teil der Jäger als unhaltbar für die Zukunft erachtet. Aus einer Gruppe moderner Jäger, welche die wissenschaftlichen Erkenntnisse unserer Zeit in ihr Handeln einbeziehen und bemüht sind ihre Jagdpraxis in diesem Sinne zu reformieren, hat sich der Ökologische Jagdverein gebildet. Ob man die Jagd auf Wildtiere nun prinzipiell akzeptiert oder ablehnt ist eine persönliche grundsätzliche Lebenseinstellung. Sollte aber auch in der Zukunft eine Jagdausübung stattfinden, könnte der Weg des Ökologischen Jagdvereines eine akzeptable und konstruktiv zu diskutierende Basis werden. Es bleibt zu hoffen, dass der Einfluss dieser Gruppe von modern denkenden Jägern auf Kosten der konventionellen, unbeweglichen deutschen Jagdverbände rasch zunimmt.
Weitere Informationen:
Komitee gegen Vogelmord
Ökologischer Jagdverein






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